Punk meets New Wrrrk

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Was wir von den Riot Grrrls lernen können

Wenn du nicht magst, was du um dich herum siehst, dann tu es selbst. 

Erreakzioa-Reacción: Here and Now! New Forms of Feminist Action, exhibition Catalogue. Bilbao, Spain. Published by Sala Rekalde. 2008

So lautete die Botschaft der Riot Grrrls. Und sie mochten nicht, was sie um sich herum sahen: die männliche Vorherrschaft in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft und die Misogynie auch in der scheinbar so freien und gleichen Subkultur- und Punkszene.

Getreu ihrem Motto „Um etwas zu tun, brauchst du keine großen Infrastrukturen“ [1]schufen sie eigene, diskriminierungsfreie Räume für Kunst, Musik und Literatur. Sie gründeten Plattformen, um den feministischen Diskurs in die Praxis zu überführen und bildeten – ganz in der Tradition internationaler Frauen*-Bewegungen – “Banden”, also Netzwerke, um andere Frauen* bzw. Musikerinnen* zu fördern und unterstützen. So gesehen sind Riot Grrrls weniger Vertreterinnen* des D.I.Y.-Punks als vielmehr des D.I.T.-Punkts: Do-it-together. 

[…] In den öffentlicher Medien wurden die Musikerinnen* als „kreischende Teenager“ oder „Krawallgören“ [2] verunglimpft. Man unterstellte ihnen Spaß- und Männerfeindlichkeit, machte ihr politisches Ansinnen lächerlich und degradierte ihren Namen zum marketingkompatiblen Etikett. [3] Die Riot Grrrls zogen sich daraufhin aus Öffentlichkeit zurück und verweigerten jegliche Zusammenarbeit mit den Medien. Das tat ihrer Entwicklung keinen Abbruch.

Zwar lösten sich die meisten Riot Grrrl-Formationen Ende der 1990er Jahre auf, doch ihre Protagonistinnen* schlugen neue künstlerische und politische Wege ein. Und ihre Botschaft, “dass mädchen eine revolutionäre kraft haben, die die welt wirklich verändern kann und wird (Kathleen Hanna), ist bis heute lebendig. Musikerinnen* wie Beth Ditto von GossipPeaches oder die Moskauer Punkrock-Band Pussy Riot sehen sich ausdrücklich in der Tradition der Riot Grrrls.

Warum erzähle ich das alles?

Weil wir – so meine Überzeugung – einiges von den Riot Grrrls lernen können nicht nur, aber auch für die (Neu-)Gestaltung der Arbeitswelt. 

Sprechverbote überwinden

Immer wieder erlebe ich, dass Mitarbeiter*innen tief enttäuscht und frustriert sind über die Verhältnisse in ihren Organisationen, aber nicht (mehr) darüber reden. Oder nur hinter vorgehaltener Hand. Im Flüsterton und im Geheimen. So verständlich dieses Verhalten ist angesichts der vielen Betonköpfe in Chefetagen, so unglücklich ist es. Denn das selbstauferlegte Sprachtabu manifestiert und stabilisiert das Bestehende. 

“Tabus sind gesellschaftliche ‘Selbstverständlichkeiten’ und erhalten so eine wichtige soziale Funktion der Verhaltensregulierung, der Etablierung von Grenzen, der Anerkennung von Autoritäten, z.B. zur Sicherung von Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen und bestimmter sozialer Ordnungen.” 

Horst Reimann, Tabu, in: Staatslexikon, hrsg. von der Görres Gesellschaft, 7. völlig neu bearbeitete Auflage, Freiburg i. Br. 1989, S. 421.

Die Riot Grrrls ermutigen dazu, Tabus zu brechen und die Dinge anzusprechen. Das Benennen dessen, was uns problematisch geworden ist, ist der erste Schritt der Veränderung.

Gemeinsam sind wir stärker

Die wenigsten von uns sind Held*innen. Und das muss auch niemand sein. Die Riot Grrrls haben von ihren Vorgängerinnen gelernt und haben verstanden, dass sie nicht nur weniger allein sind, wenn sie sich mit Gleichgesinnten zusammentun, sondern auch wirkungsvoller. 

Das gilt auch für die Arbeitswelt. Gemeinsam können wir mehr erreichen. Wir können uns gegenseitig unterstützen und füreinander da sein, wenn der Gegenwind allzu stark und ein*e für ihren/seinen Einsatz angegangen wird. Früher nannte man das “Solidarität”. 

“Der Kern der Idee der Solidarität ist die Entwicklung und das Akzeptieren von Verantwortung für andere.“

Spicker, Paul, Equality versus Solidarity, in: Government and Opposition, 1992, 66 ff.

Der Begriff ist aus der Mode gekommen. Ich mag ihn und finde, dass wir ihn wieder- und neu beleben sollten.

Reclaim the words

Machtverhältnisse manifestieren sich in Sprachtabus ebenso wie Sprache. Sie sind den Worten eingeschrieben. Erst wenn wir diese hinterfragen, wird die ihnen inhärente Ordnung sicht- und (an-)greifbar, wie die Riot Grrrls am Beispiel des Wortes “Mädchen” deutlich machen: ”Girl = Dumb, Girl = Bad, Girl = Weak“. [4]

Meines Erachtens lohnt es sich, es ihnen gleichzutun und die Funktions- und Positionsbezeichnungen der Arbeitswelt einer kritischen Analyse zu unterziehen, um die ihnen eingeschriebenen Machtkonstellationen und Rollenzuweisungen aufzudecken und neu zu besetzen? […] Denn auch das lehren die Riot Grrrls: Man kann die Worte aus dem engen Korsett althergebrachter Ordnungen befreien und mit neuer Bedeutung aufladen. Sie selbst haben nicht nur die negativen Konnotationen des “Mädchens/Girl” offengelegt. Sie haben sich das Wort zu eigen gemacht und neu besetzt: Girl = schlau, Girl = frei, Girl = stark.

Die Kraft der Wut nutzen

Wut gehört zu den gesellschaftlich wenig akzeptierten Gefühlen. Am wenigsten bei Frauen*. Wütende Frauen* gelten als hysterisch und werden gerne als “keifende Weiber” abgetan. Das mussten auch die Riot Grrrls erfahren, obwohl (oder gerade weil?) sie sich – anders als die sogenannten “Wutbürger*innen”, die von Politik und Medien sehr ernst genommen werden – nicht in bloßen Pöbeleien und diffuser Unzufriedenheit ergingen. 

Die Riot Grrrls transformierten ihren Unmut in musikalischen Protest. Den mag man stilistisch mögen oder nicht, inhaltlich teilen oder nicht. Aber er ist konkret und greifbar. Er hat einen nachvollziehbaren Grund (Diskriminierung) und ein klares Ziel (Gleichberechtigung) und bietet damit die Möglichkeit, miteinander ins (Streit-)Gespräch zu kommen. Daraus lässt sich für mich lernen, dass Wut eine Kraft ist, die wir produktiv nutzen können und sollten.  

„Der Emotionszustand Wut ist immer auch ein Antreiber. Er setzt Kräfte frei und kann einen Änderungsprozess ins Rollen bringen.“

Burkhard Heidenberger, in: Aus der Wut neue Kraft schöpfen. https://www.fr.de/ratgeber/gesundheit/neue-kraft-schoepfen-11336213.html 

Mut zur Irritation

Laute Musik, wütende Texte, schwere Stiefel, zerrissene Kleider – die Riot Grrrls unterliefen das gängige Schönheitsideal und brachen mit der herrschenden Ästhetik des Weiblichen. Solch performativer Widerstand gegen geltende Regeln und Normen löst Ablehnung, Ärger, Wut und mitunter auch Hass aus. Zielscheibe solch negativer Gefühle zu sein, ist ziemlich undankbar. Gleichwohl braucht Veränderung Irritation. 

Das Selbstverständliche muss fragwürdig werden, damit Alternativen überhaupt denkbar werden. Dafür muss sich niemand mit “Hässlichkeit” hüllen. Aber wer etwas verändern will, muss den Mut haben, das Gewohnte und Andere zu stören. 

Einfach machen

Die Riot Grrrl-Bewegung war nicht von langer Dauer. Anfang der 1990er Jahre formiert, löste sie sich zum Ende des Jahrzehnts wieder auf. Das kann man als Scheitern lesen. Muss man aber nicht. Ebensogut kann man es als Experiment verstehen. Als den Versuch, Missstände auf eine bestimmte Weise aufzudecken und mit vorhandenen Mitteln zu verändern. Denn auch das können wir von den Riot Grrrls lernen: Es braucht weder eine starke Infrastruktur noch elaborierte Tools, um etwas zu tun. 

“Die sprichwörtliche Drei-Akkord-Ästhetik des Punk ist … Ausdruck einer plural alternativen Haltung der Horizontalisierung, Demokratisierung und Informalisierung.”

aus: Selber machen: Diskurse und Praktiken des »Do it yourself« herausgegeben von Nikola Langreiter, Klara Löffler, S. 304

Aus dieser Perspektive ist die Riot Grrrl-Bewegung ein Erfolg – und befreit uns von dem Irrglauben, dass ein einmal eingeschlagener Weg nur dann erfolgreich ist, wenn man nicht mehr von ihm abweicht. Gerade heute, in der sogenannten VUKA-Welt [5], können wir weniger denn je wissen, was morgen richtig sein wird. Von den Riot Grrrls können wir lernen, dass es sich lohnt, Dinge auszuprobieren und uns sowie unsere Mittel im Tun weiterzuentwickeln und neu zu erfinden.


Quellenangaben

[1] Erreakzioa-Reacción: Here and Now! New Forms of Feminist Action, exhibition Catalogue. Bilbao, Spain. Published by Sala Rekalde. 2008.

[2] „Revolution auf Mädchenart“, in: Der Spiegel 50 (1992), S. 242-246.

[3] Anna Seidel: Riot Grrrls in Spiegel und Spex. Pop-Zeitschrift 10/2016

[4] Hanna, Kathleen. „Riot Grrrl Is…“ [1991]. The Riot Grrrl Collection. Hrsg. von Lisa Darms. New York: The Feminist Press 2013, S. 143.

[5] VUKA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität.